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Work-Life-Balance

„Klare Absprachen machen zufrieden“

Arbeitgeber können die Work-Life-Balance ihrer Beschäftigten mit vielen Maßnahmen fördern – und damit deren Produktivität sichern. VBG-Arbeitspsychologin Jasmine Kix gibt Empfehlungen.

Bild Jasmine Kix

Jasmine Kix, VBG-Arbeitspsychologin

Frau Kix, wie steht es um die Work-Life-Balance der Berufstätigen in Deutschland?
Das Thema hat zwei Seiten. Rund drei Viertel der Arbeitnehmer sind mit ihrer Work-Life-Balance zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Das belegen verschiedene Studien. Im europäischen Vergleich steht Deutschland gut da. Viele Unternehmen bieten flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und Homeoffice an. Das erleichtert es den Beschäftigten, verschiedene Lebensbereiche miteinander zu vereinbaren. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Schwierigkeiten, zum Beispiel bei Nacht-, Schicht- oder Wochenendarbeit. Außerdem arbeitet fast die Hälfte der Beschäftigten regelmäßig mehr als vertraglich vereinbart wurde. Viele Menschen sagen: Meine Arbeit ist in der vereinbarten Zeit nicht zu schaffen. Oder sie müssen zu viele Aufgaben gleichzeitig erledigen und fühlen sich dadurch überlastet.

Wie wirkt sich diese Überlastung aus?
Je höher zum Beispiel die Arbeitszeit, desto häufiger treten gesundheitliche Beschwerden auf, Unfallrisiken steigen. Ab 40 Stunden in der Woche kippt das Bild. Die hohe Belastung führt zur Erschöpfung, darunter leiden die Zufriedenheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. Dies ist auch nicht im Interesse der Unternehmen.

Was haben Arbeitgeber davon, wenn sie die Work-Life-Balance fördern?
Der Mensch braucht den Wechsel von Anspannung und Erholung, um auch im Beruf das Beste zu geben. Zudem fördert es Gesundheit und Zufriedenheit, wenn diese auf mehreren Stützpfeilern ruhen. Solche Pfeiler sind neben der Arbeit Freizeitaktivitäten und das Sozialleben.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Work-Life-Balance aus? Welche Chancen bringt sie mit sich, welche Risiken?
Dank des zeitlich flexiblen und mobilen Arbeitens können viele Beschäftigte ihre verschiedenen Lebensbereiche besser in Einklang bringen. Zum Beispiel können sie anstrengende Fahrtwege durch Tätigkeiten im Homeoffice reduzieren. Es gibt aber auch Nachteile wie die erweiterte Erreichbarkeit durch mobile Endgeräte, da diese in den meisten Fällen nicht klar geregelt wird. Diese zusätzliche Belastung ist übrigens in kleinen Unternehmen genauso präsent wie in großen Konzernen. Es ist wichtig, Pausen und Erholungszeiten einzuhalten. Hier ist Abgrenzen und Abschalten für die Gesundheit unbedingt notwendig.

„Es ist wichtig, Pausen und Erholungszeiten einzuhalten.“

Gibt es Branchen der VBG, die besonders stark belastet sind? 
Die Belastungen hängen nicht von der Branche ab, sondern von der Tätigkeit. Betroffen sind zum einen häufig Führungskräfte. Sie berichten von hohem Arbeitsvolumen und erweiterter Erreichbarkeit. Zum anderen haben Menschen, die in Schichtarbeit und festen Arbeitszeiten tätig sind, größere Probleme mit ihrer Work-Life-Balance. Insbesondere wirkt sich Wochenendarbeit nachteilig auf das Sozialleben aus.

Wie können Arbeitgeber solche Probleme lösen und ihren Beschäftigten bei der Work-Life-Balance helfen?
In den meisten Unternehmen ist es schon möglich, zeitlich und örtlich flexibel zu arbeiten, auch Mitsprache bei der Arbeitszeitplanung ist immer häufiger üblich. Das ist eine große Hilfe, denn kurzfristige Änderungen der Arbeitszeit zum Beispiel sind sehr belastend. Woran es allerdings oft mangelt, sind Absprachen. Wie ist das Arbeitszeitsystem genau geregelt? Wie werden Überstunden ausgeglichen? Wer kann das Homeoffice nutzen? Wie werden mobile Arbeitsstunden dokumentiert? Zu welchen Uhrzeiten muss ich erreichbar sein? Die größte Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance herrscht in Unternehmen, wo diese Fragen der Arbeitsgestaltung verbindlich festgehalten sind. Am besten werden die Regeln gemeinsam schriftlich vereinbart. 

Und wenn das alles nicht ausreicht? Wie sollten Arbeitgeber reagieren, wenn die Arbeitslast dauerhaft zu groß ist?
Wenn die Beschäftigten dauerhaft überlastet sind, kommt der Arbeitgeber nicht darum herum, sich die Personalsituation und die Abläufe genauer anzusehen: Welche Probleme zeigen sich immer wieder? Können Aufgaben anders verteilt werden? Können Schwerpunkte und Ziele anders gesetzt werden? Das sieht das Arbeitsschutzgesetz vor. Die Gesundheitsgefahren hoher Arbeitsbelastung müssen ernst genommen werden. Es gibt zum Beispiel umfassende Studien, die auf Risiken für Herzerkrankungen bei überlangen Arbeitszeiten hindeuten. In manchen Branchen gelten Überstunden als Statussymbol. Es ist gut, für die Sache zu brennen, aber die Unternehmensführung und jeder Einzelne müssen mit den Kräften verantwortungsbewusst haushalten und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen. Das ist nicht immer einfach.

„Die Gesundheitsgefahren hoher Arbeitsbelastung müssen ernst genommen werden.“

Wie können Führungskräfte einer ungesunden Unternehmenskultur entgegenwirken?
Vor allem, indem sie den gesunden Wechsel von Arbeit und Erholung selbst vorleben. Außerdem sollten Führungskräfte die Wertvorstellungen des sicheren und gesunden Arbeitens ausdrücklich kommunizieren und darauf achten, dass Beschäftigte sich genügend erholen.

Was macht der Arbeitgeber, wenn Beschäftigte dennoch auf ihre Pausen verzichten?
Er sollte das Gespräch suchen und die Gründe erfragen. Falls die Ursache eine zu hohe Arbeitsbelastung ist, muss der Arbeitgeber eingreifen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Pausen erhalten die Gesundheit und fördern die Leistung, Fehler und Unfälle sind seltener. Wenn ich Pausen vorlebe und zum Beispiel Besprechungen nicht endlos ausdehne, erreiche ich als Chef schon einiges.

Bild Broschüre Gesund und erfolgreich führen

LEITFADEN FÜR UNTERNEHMEN 
Wie Arbeitgeber die Erholung ihrer Beschäftigten fördern, schildert das VBG-Fachwissen „Gesund und erfolgreich führen. Informationen für Führungskräfte“.

JETZT LESEN: www.vbg.de/gesundfuehren

Berufsanfänger der Generationen Y und Z hätten besonders starke Bedürfnisse bei der Work-Life-Balance, heißt es. Müssen Arbeitgeber diesen besonders entgegenkommen?
Nein. Alle Altersgruppen haben den Wunsch nach einer gesunden Work-Life-Balance. Die Lebensziele unterscheiden sich weniger nach Generationen als nach Lebensphasen. 20- bis 30-Jährige wollen neben der Arbeit oft weitere Erfahrungen sammeln, etwa durch zusätzliche Ausbildungen oder Reisen. Bei 30- bis 40-Jährigen steht oft die Familienplanung und Kinderbetreuung im Vordergrund. Später haben viele Menschen wieder andere Bedürfnisse und Verpflichtungen: etwa die Pflege älterer Angehöriger. Für Arbeitgeber bedeutet das: Sie müssen allen Beschäftigten eine befriedigende Work-Life-Balance ermöglichen.

Das Gespräch führte Felix Enzian.

MEHR INFORMATIONEN: 
Seminar „Gesundheitskompetenzen fördern: Selbstmanagement (GKSMM)“
www.vbg.de, Suchwort: GKSMM

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