Logo Certo
Logo VBG
Logo Certo

Arbeitszeit

„Eltern sind straffer organisiert“

Tita von Hardenberg ist Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Fernsehproduktionsfirma Kobalt Productions und hält Vorträge für Unternehmer. Das Land Berlin hat sie als Unternehmerin des Jahres 2016/17 ausgezeichnet. Kobalt besteht seit 20 Jahren und hat 60 Mitarbeiter. Zurzeit produziert das Unternehmen vor allem Reportagen, Dokumentationen, Kultursendungen, Live-Konzerte und Image-Filme.

Tita von Hardenberg

Tita von Hardenberg ist Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Fernsehproduktionsfirma Kobalt Productions und hält Vorträge für Unternehmer. Das Land Berlin hat sie als Unternehmerin des Jahres 2016/17 ausgezeichnet. Kobalt besteht inzwischen seit 20 Jahren und hat 60 Mitarbeiter. Zurzeit produziert das Unternehmen vor allem Reportagen, Dokumentationen, Kultursendungen, Live-Konzerte und Image-Filme.

Vollzeitunternehmerin und dreifache Mutter – wie geht das zusammen? Die Fernsehproduzentin Tita von Hardenberg über ihr Zeitmanagement bei Kobalt Productions.

Frau von Hardenberg, wie ist Ihr persönlicher idealer Arbeitstag strukturiert?
Seit ich Mutter bin, habe ich meinen Arbeitstag radikal diszipliniert. Vorher gab es keine geregelten Zeiten. Ich habe mit Feuereifer meine Firma aufgebaut, und die Arbeit hat eben so lange gedauert, wie sie gedauert hat. Jetzt gilt: Ich bin werktags von 9 bis 18 Uhr im Büro, aber nicht länger. Grundsätzlich beobachte ich bei vielen Berufstätigen, die Kinder haben: Sie sind oft wesentlich straffer organisiert und nutzen ihre Zeit effizienter.

Gerade, weil Sie auch um die Bedürfnisse von Eltern wissen: Wie ermöglichen Sie Ihren Beschäftigten eine gute Work-Life-Balance?
Bei uns herrscht wegen der vielen Drehreisen und langen Schnitte sowieso schon de facto Vertrauensarbeitszeit. Teilzeit und Homeoffice ermöglichen wir, wo es nötig ist. Manche Mitarbeiter haben sogar schon zwei Mal ein Sabbatical gemacht. Nach Möglichkeit erhält bei Kobalt jeder die Arbeitsbedingungen, die zu seinen Bedürfnissen passen. Ich selbst bringe meine jüngste Tochter manchmal mit ins Büro. Sie sitzt dann auf der Fensterbank und liest, während ich am Schreibtisch beschäftigt bin.

Wie blicken Sie aber als Arbeitgeberin auf flexible Arbeitszeiten? Eher positiv oder doch mit Bedenken?
Beides. Als Arbeitgeberin wäre es mir eigentlich am liebsten, wenn die Mitarbeiter den ganzen Tag anwesend sind. In einem Kreativunternehmen ist intensiver Austausch extrem wichtig. Das funktioniert nicht so gut, wenn alle ständig woanders arbeiten. In anderen Branchen sind individuelle Arbeitszeiten wahrscheinlich leichter praktikabel. Trotzdem ermöglichen wir diese Flexibilität. Zum Beispiel für junge Mütter und Väter. Für die Firma ist es suboptimal, aber es lohnt sich. Frauen steigen schneller wieder ein, auch wenn es erst einmal nur stundenweise ist. Das Vereinbarkeitsthema liegt mir besonders am Herzen, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend das ist.

„Als Arbeitgeberin wäre es mir eigentlich am liebsten, wenn die Mitarbeiter den ganzen Tag anwesend sind.“

Viele Menschen wollen, dass ihr Leben sich weniger um den Beruf dreht. Experimente eines allgemeinen Sechsstundentages oder einer Viertagewoche werden in den Medien stark thematisiert. Wie realistisch finden Sie solche Hoffnungen?
Die Vorstellung, in kürzerer Zeit das gleiche Geld zu verdienen, ist natürlich angenehm. Als Fernsehproduktion müssen wir uns allerdings nach den Anforderungen unserer Auftraggeber richten. Wir müssen für sie erreichbar sein und ihre Deadlines einhalten. Insofern können wir kein Experimentierfeld für wesentlich kürzere Arbeitszeiten sein. Viele Mitarbeiter nehmen Phasen von intensiver Arbeit, zum Beispiel bei einem Filmdreh, auch sehr gerne in Kauf. Sie erleben ihren Beruf als große Befriedigung. Andererseits gibt es natürlich Beschäftigte, die dem Job nicht so viel Zeit opfern können oder wollen – das ist ihr gutes Recht. Dann kann Teilzeit die richtige Wahl sein.

Auch Sie mussten mehrere Male den Beruf hintanstellen – für die Elternzeit. Wie ging der Geschäftsbetrieb ohne Sie weiter?
Als Moderatoren der Zeitgeistsendung „Polylux“ haben mich Jörg Thadeusz, Steffen Hallaschka und Katrin Bauerfeind vertreten. In der Unternehmensführung hat mein Geschäftspartner Stefan Mathieu meine Aufgaben übernommen. Ich wollte ihm das allerdings nicht dauerhaft aufbürden. Auch deshalb habe ich mir bei den Geburten nur jeweils vier bis sechs Monate Auszeit genommen.

„Polylux“ wurde im Jahr 2009 von der ARD abgesetzt. Wie ist Ihr Unternehmen mit diesem Umbruch fertiggeworden?
Zunächst war das ein großer Schock. Fast 13 Jahre lang hatte sich unser Produktionsalltag im Wesentlichen um diese wöchentliche Sendung gedreht. Dazu traf die Branche in diesem Jahr die globale Wirtschaftskrise. Für sechs Monate mussten wir Kurzarbeit praktizieren, um das Unternehmen zu retten. Im Team herrschte fast schon eine Depression. Aber alle Mitarbeiter sind geblieben und haben die Krise mit uns durchgestanden!

Die Krise war eine unfreiwillige Auszeit. Wie haben Sie diese genutzt?
Ich bin mit meinem Geschäftspartner erst einmal eine Woche in Klausur in ein abgelegenes Schweizer Hotel gegangen. Dort kam uns aber nicht, wie erhofft, gleich der geniale Einfall. Es braucht nach so einem abrupten Bruch eine Weile, bis der Kopf das verarbeitet hat. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Zeit sollte man sich auch nehmen. Geschäftlich bergauf ging es erst wieder, als wir von Arte den Auftrag erhielten, ein Jugendmagazin zu konzipieren. Diese konkrete Aufgabe gab uns wieder Kreativität und Elan.

Würden Sie selbst gern noch ein bewusstes Sabbatical machen, also die Auszeit selbst bestimmen?
Auf jeden Fall. Dann würde ich eine Weltreise machen oder in einem IT-Unternehmen im Silicon Valley hospitieren. Dafür müsste ich mich allerdings auch aus meiner Familie komplett herausziehen. Das möchte ich nicht.

 

Das Gespräch führte Felix Enzian.

Das könnte Sie auch interessieren

Certo durchsuchen...