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Anwesend, aber nicht präsent

Wenn Beschäftigte krank zur Arbeit kommen, leidet darunter nicht nur ihre Produktivität, sondern es drohen auch langfristige Gesundheitsschäden. Umsichtige Vorgesetzte sorgen deshalb dafür, dass die Betroffenen ihre Erkrankung vernünftig auskurieren – auch zum Wohl des Betriebes.

Schniefend und hustend hängt der Kollege mehr vor dem Bildschirm, als dass er sitzt. Er habe sich trotz 39 Grad Fieber heute morgen entschieden, ins Büro zu kommen, sagt er – das Projekt müsse schließlich noch diese Woche fertig werden. Am Ende der Woche ist zwar das Projekt fertig, aber leider schniefen und husten nun auch alle anderen Mitarbeiter, die daran mitgearbeitet und mit dem kranken Kollegen das Büro geteilt haben. Und die Qualität des Projektergebnisses lässt außerdem vermuten, dass der kranke Kollege nicht ganz Herr seiner geistigen Kräfte war, als er es erarbeitete. „Präsentismus“ nennen Experten es, wenn Arbeitnehmer im Büro erscheinen, obwohl sie eigentlich zu krank dazu sind. Das Verhalten häuft sich insbesondere in wirtschaftlich unsicheren Zeiten oder in Branchen, in denen befristete Verträge die Norm darstellen. Aber auch Persönlichkeitsmerkmale der Angestellten sowie das allgemeine Betriebsklima und das Vorgesetztenverhalten spielen eine wichtige Rolle beim Thema Präsentismus. Der Mitarbeiter, der trotz einer schweren Erkältung im Büro auftaucht, mag ein eingängiges Beispiel sein, doch die Erkrankungen von Arbeitnehmern sind längst nicht immer so offensichtlich – und so ansteckend – wie in dem geschilderten Fall. Magen-Darm-Beschwerden, Rückenleiden oder psychische Erkrankungen sind auf den ersten Blick nicht zu sehen, können die Konzentration aber stark schwächen.

Laut einer großen amerikanischen Studie verminderte Präsentismus die Arbeitsproduktivität je nach Krankheit der Angestellten um 17,8 bis 36,4 Prozent. „Durch Präsentismus wird unter Umständen die erforderliche Diagnostik und Therapie verzögert“, sagt der VBG-Arbeitsmediziner Dr. Jens Petersen. Fakt ist, dass Arbeitnehmer, die sich nicht gesund fühlen, schlechtere Leistungen erbringen. „Außerdem drohen langfristige Gesundheitsschäden für die Angestellten, die sich nie die Zeit zum Auskurieren nehmen“, fügt Petersen hinzu. So fand eine weitere Studie heraus, dass das Risiko von Staatsbediensteten, eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln, auf das Doppelte anstieg, wenn sie sowohl Vorerkrankungen hatten als auch keinerlei Fehlzeiten in ihrem Beruf aufwiesen. Krankheiten können sich durch Präsentismus unter Umständen auch von leicht behandelbaren Vorstufen hin zu lebensbedrohlichen Stadien verschlimmern: Wer über einen längeren Zeitraum mit Bluthochdruck zur Arbeit geht, riskiert im schlimmsten Fall, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Und selbst wenn keine lebensbedrohliche Situation eintritt, besteht die Gefahr, dass temporäre Erkrankungen chronisch werden, wenn sie über einen längeren Zeitraum vom Betroffenen ignoriert werden und unbehandelt bleiben.

VERTRAUEN SCHAFFEN

Am stärksten betroffen von Präsentismus sind soziale und medizinische Berufe. Zwei Drittel der Beschäftigten in diesen Branchen sind einer medizinischen Studie zufolge schon mindestens einmal krank an ihrem Arbeitsplatz erschienen. Entscheidend ist darüber hinaus auch die Mitarbeiter- und Führungskultur innerhalb eines Unternehmens. Müssen Angestellte etwa befürchten, bei zu häufigem Fehlen zu einem Vorgesetztengespräch gebeten zu werden, ist dies im Krankheitsfall ein Anreiz, sich trotzdem ins Büro zu schleppen. Auch ein autoritärer und ungerechter Führungsstil des Unternehmenschefs kann dazu führen, dass Arbeitnehmer Angst um ihre Stelle haben, wenn sie wegen Krankheit zu Hause bleiben. Jens Petersen empfiehlt Arbeitgebern, eine wertschätzende, vertrauensvolle Atmosphäre im Unternehmen zu schaffen und insbesondere selbst ein gutes Beispiel abzugeben: „Wenn der Chef krank ist, sollte er nicht den Helden spielen, sondern dafür sorgen, dass er möglichst schnell wieder voll einsatzbereit ist – indem er zu Hause bleibt und sich erholt.“ Wichtig ist es auch, die Kompetenzbereiche der Beschäftigten so zu organisieren, dass ein krankheitsbedingter Ausfall keine unausfüllbare Lücke in den Produktionsprozess reißt. Den erkrankten Beschäftigten wird es deutlich leichter fallen, sich Zeit zum Erholen zu nehmen, wenn ein Kollege einspringen kann, der sich ebenfalls mit dem Aufgabengebiet auskennt.

Bei bestimmten psychischen Erkrankungen und einigen Formen von Rückenschmerzen kann Arbeit unterstützend wirken und den Heilungsprozess sogar fördern. Abgesehen von solchen seltenen Ausnahmefällen gilt jedoch der Grundsatz: Wer arbeitsunfähig ist, sollte auf jeden Fall zu Hause bleiben.

HIER INFORMIEREN: www.vbg.de/gesundfuehren

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