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Arbeitssicherheit

Auf Deutschlands höchster Baustelle

Deutschlands höchster Berg bekommt eine neue Seilbahn. Ab Dezember 2017 soll sie stündlich bis zu 600 Besucherinnen und Besucher auf die Zugspitze bringen. Bis dahin laufen die Arbeiten in knapp 3.000 Metern Höhe auf Hochtouren.

Bild Heiko Nöll

Heiko Nöll (42), von CDM Smith Consult GmbH, betreut als Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) Deutschlands höchste Baustelle.

Heiko Nöll (42), CDM Smith Consult GmbH, betreut als Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) Deutschlands höchste Baustelle und sorgt damit für unfall- und störungsfreie Arbeitsabläufe – bei allen Witterungsbedingungen und parallel zum laufenden Besucherbetrieb. Certo hat ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet.

Dicht gedrängt zwischen Touristen, die ihre Skier, Stöcke und Snowboards festhalten, ist Heiko Nöll an diesem Vormittag im Januar in der Seilbahnkabine auf seinem Arbeitsweg. Einige der Mitfahrer schauen erschrocken, als Eissplitter auf das Dach trommeln. Für Heiko Nöll ein bekanntes Geräusch. „Das ist das Eis, das sich durch die Fahrt vom Stahlseil löst“, erklärt er. Knapp zehn Minuten dauert die Fahrt mit der Eibsee-Seilbahn von der Talstation auf den Gipfel der Zugspitze, seinem heutigen Einsatzort.

Heiko Nöll ist Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator, kurz: SiGeKo, auf Deutschlands höchster Baustelle. Er arbeitet im Auftrag der Bayerischen Zugspitzbahn Bergbahn AG, der Betreiberin von zwei Seilbahnen und einer Zahnradbahn auf der Zugspitze. Wenn Bauarbeiten auf einem Betriebsgelände durchgeführt werden und mehrere Fremdfirmen tätig sind, ist der Bauherr verpflichtet, einen solchen SiGeKo zu bestellen – so ist es in der Baustellenverordnung geregelt.

Auf Großbaustellen werden viele verschiedene Arbeiten unter ständig wechselnden, teils erschwerten Bedingungen ausgeführt und dies meist von unterschiedlichen Gewerken gleichzeitig. Aufgabe des SiGeKo ist es, die Arbeitsabläufe der verschiedenen Gewerke so zu koordinieren und aufeinander abzustimmen, dass sichere und reibungslose Abläufe auf der Baustelle und eine gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeiten gewährleistet sind.

Im Herbst 2014 fiel der Startschuss für das 50-Millionen-Euro-Projekt auf der Zugspitze. Nach insgesamt drei Jahren Bauzeit soll die neue Seilbahn Zugspitze dann im Dezember 2017 in Betrieb gehen. Der Streckenverlauf und die Lage von Tal- und Bergstation bleiben dabei weitgehend gleich – aus der Eibsee-Seilbahn wird die neue Seilbahn Zugspitze. Allerdings wird die Fahrt für Zugspitzbesucher deutlich komfortabler und lange Wartezeiten sollen künftig der Vergangenheit angehören. Pro Fahrt kann eine Kabine statt wie bislang 44 dann 120 Personen auf den Gipfel transportieren. Berg- und Talstation werden rollstuhlgerecht ausgebaut und die beiden neuen, bodentief verglasten Kabinen der Pendelseilbahn versprechen freie Sicht auf das Bergpanorama.

Baukran auf dem Gipfel: eine logistische Herausforderung

2015, noch bevor die eigentlichen Bauarbeiten am Berg begonnen wurden, ist Diplom-Ingenieur Heiko Nöll bereits in die Baustellenplanung eingestiegen. Er ist Niederlassungsleiter beim international tätigen Ingenieur- und Bauunternehmen CDM Smith Consult GmbH, das im Auftrag der Bayerischen Zugspitzbahn tätig ist.

„Eine der größten Herausforderungen zu Beginn der Bauphase war die Installation des Baukrans auf dem Gipfel“, erinnert sich Heiko Nöll. Was auf anderen Baustellen Routine ist, wird in 3.000 Metern Höhe zu einem logistischen Großprojekt. Allein die Verankerung des Fundaments für den Baukran im Fels hat vier Wochen gedauert. Zwei Tage lang hat dann ein Helikopter die einzelnen Kranteile auf den Berggipfel gebracht.

Auch heute, bei minus sieben Grad Celsius, dichten Wolken und heftigem Schneetreiben ist der Kran im Einsatz. Von der Besucherterrasse aus steuert ein Mitarbeiter den Kran mit einer Fernbedienung. Sein Blick folgt dem langen Stahlträger, der langsam in die Höhe wandert. Aufgabe des SiGeKos ist es, bei jedem dieser Arbeitsschritte nicht nur an die Sicherheit aller Beschäftigten, sondern auch an die der Touristen zu denken.

Denn noch bis Anfang April 2017 ist die bestehende Eibsee-Seilbahn in Betrieb. Im Zehnminutentakt bringt sie an Hochbetriebstagen Touristen auf den höchsten Gipfel Deutschlands. Der Baukran ist deshalb so programmiert, dass er nicht über alle Bereiche der Baustelle geschwenkt werden kann. „Bestimmte Zonen wie der Bereich über der fahrenden Eibsee-Seilbahn sind tabu. Das wäre schlichtweg zu gefährlich“, so Heiko Nöll. Die Steuerung des Krans funktioniert einwandfrei. Der SiGeKo ist zufrieden.

Heute sind zwölf Arbeiter auf der Baustelle tätig, die kaum voneinander zu unterscheiden sind: Sie tragen orangefarbene Arbeitsjacken oder Warnwesten, Schutzhelm und Schneebrillen. Vom Gesicht ist meist nur die Nasenspitze erkennbar. Nur so ist das Arbeiten über mehrere Stunden bei den eisigen Temperaturen und bei Schneestürmen möglich. Unter solchen Bedingungen ist natürlich auch die Kleidung der Arbeiter Teil ihrer Persönlichen Schutzausrüstung (PSA), die regelmäßig überprüft werden muss. Da sich das Wetter auf dem Gipfel innerhalb weniger Minuten komplett ändern kann, müssen die Arbeiter für alle Fälle gerüstet sein.

Individuelle Lösungen für jeden Baufortschritt

Etwa einmal pro Woche kommt der Ingenieur auf die Baustelle. Er prüft, ob alles nach dem Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan (SiGePlan) verläuft und welche Maßnahmen als Nächstes einzuleiten sind. Mit jedem Baufortschritt auf der Zugspitze muss der SiGePlan überprüft und gegebenenfalls durch individuelle Lösungen angepasst werden. Zusammen mit zwei Arbeitern bespricht Heiko Nöll heute die Arbeitsschritte an der Materialseilbahn, die für die Logistik am Berg unabdingbar ist. Nur so kann die Gefährdung anderer Arbeiter beim Materialtransport vermieden werden. Die Lagermöglichkeiten auf der Baustelle sind begrenzt, vom Beton bis zum Stahlträger muss deshalb alles Just in Time angeliefert werden. Heute sind es schwere Stahlträger, die auf den Berg gebracht werden.

Bei den aktuellen Witterungsbedingungen sind zusätzliche Arbeitsschritte notwendig, um die Träger zu montieren. Nach der langen Fahrt mit der Seilbahn sind die Stahlträger komplett vereist. Mit einem Gasbrenner befreit ein Mitarbeiter die Montageflächen vom Eis.

Nach dem Enteisen der Einzelteile geht es für die ersten Seilbahnelemente per Kran in Richtung Tragseiltürme. Im nächsten Schritt werden hier die Arbeiter mithilfe zweier Hebekräne den ersten von zwei sogenannten Tragseilschuhen montieren. Auf diesen Elementen liegen später die Tragseile der neuen Seilbahn auf.

Durch die regelmäßigen Besuche vor Ort und direkte Gespräche mit den Arbeitern der verschiedenen Gewerke weiß Heiko Nöll aus erster Hand, ob die geplanten Arbeitsschritte ohne die Gefährdung anderer Arbeiter ausgeführt werden können. „Es gibt Standardpakete an Sicherheitsmaßnahmen, diese gilt es auf die Situation am Berg abzustimmen. Das funktioniert nur, wenn ich die Gegebenheiten vor Ort im Detail kenne.“

Für heute ist er mit dem Baufortschritt zufrieden und kann sich nun mit den erforderlichen Maßnahmen für die nächste Bauphase beschäftigen. Neben Terminen wie heute, direkt auf der Baustelle, gibt es auch Arbeitstage, die Heiko Nöll ausschließlich im Büro mit Telefonaten, E-Mails und Besprechungen zur Koordination und Projektplanung verbringt. Die nächste Hochphase der Bauarbeiten beginnt im Frühjahr, wenn die bestehende Eibsee-Seilbahn außer Betrieb genommen wird. Der Seilzug und die Errichtung der Pendelbahnstütze sind dann die zentralen Schritte, auf die sich Heiko Nöll vorbereitet. Für November steht die Aufnahme des Probebetriebs auf dem Plan. Die erste Fahrt mit der neuen Kabine möchte Heiko Nöll genießen, das hat er sich fest vorgenommen.

Weitere Infos:

• VBG-Seminar „Baustellenverordnung: Arbeitsschutzfachliche Kenntnisse“, www.vbg.de/seminare, Seminarkürzel: ASABI

• VBG-Seminar „Baustellenverordnung: Spezielle Koordinatorenkenntnisse“, www.vbg.de/seminare,
 Seminarkürzel: RABCI

• VBG-Workshop: „Arbeitsschutz auf Baustellen — Systematische und arbeitssichere Planung von Baustelleneinrichtungen“, www.vbg.de/seminare, Seminarkürzel RABW

• Deutschlands höchste Baustelle im Netz: www.zugspitze.de/bautagebuch

Baustellen auf dem Betriebsgelände

Der Bauherr hat aufgrund der Baustellenverordnung folgende Aufgaben zu erfüllen oder für deren Ausführung zu sorgen:

• einen geeigneten Koordinator bestellen,

• eine Vorankündigung für die Gewerbeaufsicht erstellen*,

• einen Sicherheits- und Gesundheitsschutzplane erstellen*,

• eine Unterlage für spätere Arbeiten an der baulichen Anlage erstellen.

* Diese Pflichten müssen erst erfüllt werden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind (siehe § 2 und § 3 Baustellenverordnung).

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