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Personal

„Für Topleistungen brauchst du eine Hürde“

Britta Steffen ist mehrmalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Schwimmen. Nun hält sie Vorträge in Unternehmen über gesunde Führung, Mentaltraining und Mitarbeitermotivation. Im Interview erzählt die frühere Spitzensportlerin, wie sie gelernt hat, achtsam mit ihren eigenen Kräften umzugehen, und so ihre größten Erfolge erzielte.

Bild Britta Steffen

Frau Steffen, Sie studieren Human Resources Management. Warum haben Sie sich nach Ihrer Schwimmkarriere für dieses Fach entschieden?

Auch als Schwimmerin war ich eine menschliche Ressource: eine Mitarbeiterin in einem Team aus Sportlern und Trainern. Ich habe schon früh gemerkt, dass ich mich sehr dafür interessiere, wie ein Team geführt werden muss, damit es erfolgreich ist. Genau um dieses Thema geht es beim Human Resources Management. Ich finde dieses Studium sehr spannend.

Wieso hatten Sie im Schwimmteam eine Mentaltrainerin?

Vor meinen großen Siegen war ich nur „Trainingsweltmeisterin“.Ich habe Franziska van Almsick und manche Männer beim Schwimmtraining geschlagen, aber in Wettkämpfen konnte ich mein Potenzial oft nicht zeigen. Dank der Hilfe der Psychologin Friederike Janofske hat es dann funktioniert. Sie hat mir gezeigt, wie ich meinen Kopf in den Griff bekomme und meine Ängste überwinde. Im Leistungssport muss nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche trainiert werden. 90 Prozent der Sportler haben jemanden, der sie coacht und unterstützt.

Bild Britta Steffen unter Wasser

Als Schwimmerin hat Britta Steffen viele Erkenntisse über nachhaltiges Training und gesunden Umgang mit Leistungsdruck gesammelt. Diese Erfahrungen verknüpft sie nun mit Human Resources Management.

Wo können solche Ängste herrühren?

Ich bin einmal beinahe ertrunken. Da war ich sechs Jahre alt. Ich bin beim Schwimmen unter eine Badematte geraten und fand nicht mehr an die Oberfläche zurück. Die Panik von damals ist in mir hochgekommen, wenn ich beim Schwimmen sehr starken Leistungsdruck fühlte. Manchmal musste ich schon nach 50 Metern das Becken wieder verlassen, weil der Stress so groß wurde, dass ich mich verschluckt habe und keine Luft bekam. Aber nicht jeder Sportler, der Mentaltraining macht, hat mit so schwerwiegenden psychischen Erfahrungen zu kämpfen.

Was war das Wichtigste, das die Psychologin Ihnen beigebracht hat?

Friederike Janofske hat mir immer wieder klargemacht, dass mein Wert als Mensch nicht davon abhängt, ob ich eine Goldmedaille gewinne. Wichtiger als das Ergebnis war ihr, dass ich mit dem, was ich tue, dauerhaft glücklich bin.

Bild Britta Steffen Olympische Spiele in Peking

DER GROßE DURCHBRUCH:

Bei den Olympischen Spielen in Peking holte Britta Steffen zwei Goldmedaillen.

Wie glücklich macht eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen?

Das Siegesglück hält ungefähr 48 Stunden an. Das ist eine ganz normale Ausschüttung in deinem Hormonhaushalt. Danach fällst du auf dein normales Glückslevel zurück. Deshalb führen nur diejenigen, die auch den Weg zum Ziel genießen können, letztlich ein schönes und reiches Leben. Es kommt darauf an, dass ich jeden Tag mein kleines Glück finde, es erkenne und genieße.

Wie viel Leistungsdruck ist gut? Wann wird er schädlich?

Der Arbeitspsychologe Mihály Csíkszentmihályi spricht von der „Herausforderung-Können-Balance“. Er sagt, wenn du eine Topleistung bringen willst, ist es gut, wenn die Herausforderung ein kleines bisschen über deinem Können liegt, sodass du noch eine Hürde nehmen musst, um dein volles Potenzial zu erreichen. Ist die Herausforderung zu hoch, lähmt sie. Ist die Herausforderung dagegen zu gering, empfindest du Langeweile und vielleicht Arroganz. Du konzentrierst dich nicht mehr richtig. Dann können Fehler passieren, zum Beispiel ein Frühstart. Um fokussiert zu sein, brauchst Du einen gewissen Druck, aber er darf dich nicht erdrücken.

Bild Britta Steffen Sieg Freistil Schwimmen

STRAHLENDE SIEGERIN IM DEUTSCHEN TRIKOT:

Britta Steffen hat mehrere Weltrekorde im Freistil-Schwimmen aufgestellt.

Wie kann eine Führungskraft für ihre Mitarbeiter die richtige Herausforderung-Können-Balance herstellen?

Ein guter Manager, Chef oder Trainer bringt die Feinfühligkeit mit, auf seine Leute individuell einzugehen. Er weiß: Wen muss ich anstacheln? Wen muss ich bremsen? Wer braucht Regeneration oder Unterstützung? Mein Schwimmtrainer Norbert Warnatzsch hat zu mir oft gesagt: Britta, mach mal nicht so dolle. Schwimm mal nur Puls 130 bis 140. Übertrieb nicht schon wieder! Er hatte Recht. Ich brauche wirklich niemanden, der mich antreibt. Den Ehrgeiz trage ich selbst in mir. Sonst hätte ich nicht 18 Jahre lang täglich fünf Stunden Schwimmen trainiert.

Sie halten Vorträge über gesunde Führung. Was ist das?

Jemand, der gesund führt, hat es nicht nötig, zu schreien oder zu drohen, um die Alpharolle einzunehmen. Er hat ein offenes Auge für seine Leute, schenkt ihnen Vertrauen und gibt ihnen Verantwortung. Menschen wollen ganz von selbst etwas leisten. Es ist Unsinn zu glauben, man müsste ihnen von außen Motivation antragen. Wenn du auf jemanden Druck ausübst, wird er stieselig und bockbeinig. Vielleicht wird er deine Arbeit sogar an verdeckter Stelle sabotieren.

KÖRPER UND SEELE IN BALANCE:

Im Spitzensport hat Britta Steffen gelernt, wie wichtig Mentaltraining für Leistungsfähigkeit und Gesundheit ist.

Wenn es nicht unbedingt die Goldmedaille sein muss – woran bemisst sich dann eine gute Leistung?

Jeder Mensch ist nach seinen persönlichen Fähigkeiten zu beurteilen. Wenn jemand seine persönliche Bestzeit schwimmt, ist das eine tolle Leistung, auch wenn es andere gibt, die noch viel schneller sind.

Was ist, wenn ein Mitarbeiter die ihm mögliche Leistung nicht erfüllt?

Wenn eine Leistungsverweigerung vorliegt, ist es wichtig, mit dem Mitarbeiter über den Grund zu reden. Vielleicht besteht ein Konflikt, der sich aus der Welt schaffen lässt. Vielleicht braucht derjenige andere Aufgaben, die besser zu ihm passen. Aufgabe des Chefs ist es, die Rahmenbedingungen herzustellen, in denen seine Mitarbeiter ihr Optimum leisten können.

Bisher haben wir vor allem über mentale Faktoren gesprochen. Wie haben Sie als Leistungssportlerin auf Ihre körperliche Gesundheit geachtet?

Friederike Janofske hat über ein chronobiologisches Konzept promoviert, nach dem ich meine Trainings- und Pausenzeiten ausgerichtet habe. Die Grundidee ist, dass jeder Tag in Kuchenstücke von jeweils vier Stunden eingeteilt wird. Nach jedem Abschnitt ist ein Zeitpunkt erreicht, wo der Körper leicht zur Ruhe kommt. Diese Schlaffenster liegen bei 5 Uhr, 9 Uhr, 13 Uhr, 17 Uhr, 21 Uhr und 1 Uhr. Idealerweise lässt du zu diesen Uhrzeiten deine Tagesaktivitäten ruhen und hältst 20 Minuten lang Powernap. Währenddessen regeneriert sich der Körper und du bist anschließend wieder frisch. Das Konzept hat sich auch in einer Studie mit chronisch kranken Patienten als heilsam erwiesen. 

Was hat der neue Trainingsrhythmus bei Ihnen bewirkt?

Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, mir einen Mittagsschlaf zu erlauben. Ich dachte: Die Konkurrenz trainiert jetzt, während ich faul herumliege. Kein Wunder, wenn die anderen schneller schwimmen! Aber dann habe ich gemerkt, dass meine Leistungen beim Nachmittagstraining signifikant besser waren, wenn ich vorher kurz geschlafen hatte. In Absprache mit Frau Janofske habe ich zusätzlich meine Trainingseinheiten von 120 auf 90 Minuten verkürzt. Alle 90 Minuten geht nämlich ein Rhythmus zu Ende; das gilt übrigens ebenso für Büroarbeit. Dann ist es sinnvoll, fünf Minuten Pause zu machen: Aufstehen, einen Schluck trinken, an etwas anderes denken, in die Weite schauen.

Was haben Sie vorher gemacht, wenn Sie zu erschöpft für das Training waren?

Vorher hätte mein Trainer gesagt: Da musst du durch. Training kommt von Tränen, sagen viele Schwimmer. Manchmal muss Training tatsächlich wehtun, wenn es eine Leistungssteigerung bewirken soll. Aber in der Regel ist Übertraining schädlich. Körper und Geist kommen nicht mehr zur Ruhe. Man findet wie beim Burnout nicht mehr in den Schlaf. Die Gefahr von Verletzungen steigt.

Bild Porträt Britta Steffen

Britta Steffen wurde 1983 in Schwedt an der Oder geboren und lebt in Berlin. Als Schwimmerin hat sie 18 Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewonnen. Parallel zu ihrer 2013 abgeschlossenen Sportkarriere hat Britta Steffen Wirtschaftsingenieurwesen für Umwelt und Nachhaltigkeit studiert. Zurzeit macht sie ihren Master-Abschluss im Fach Human Resources Management und hält Vorträge über gesunde Führung.

Welche typischen Verletzungen treten im Schwimmsport auf?

Typische Überlastungserscheinungen sind die sogenannte Schwimmerschulter und Überreizungen der Bizepssehnen. Auch Rückenprobleme sind möglich, wenn die Muskulatur zu einseitig trainiert wurde. Manche Schwimmer begreifen leider erst durch eine Verletzung, dass Prävention und ein ganzheitliches Training notwendig sind.

Wieso ist es unverzichtbar, dass der Arbeitgeber achtsam mit seinen Mitarbeitern umgeht?

Die Mitarbeiter bringen Fähigkeiten in das Unternehmen ein, die durch keine noch so ausgeklügelte Technik ersetzt werden können: ihr Wissen, ihre Kommunikationsfähigkeit, ihre Kreativität und ihre Leidenschaft. Tatsächlich sind Menschen die wichtigste Ressource in jeder Firma. Wenn du etwas erreichen willst, geht das nur gemeinsam mit den Menschen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Felix Enzian.

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