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Inklusion

„Chancengleichheit ist das nicht“

Wie offen ist unsere Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung? Ein Gespräch zwischen Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen und dem stellvertretenden RBB-Personalchef Nicolas Bielefeld.

Fangen wir beim Geld an: Herr Krauthausen, wie ist für Sie als Schwerbehinderter die Einkommenssituation?
Raúl KrauthausenIch bin wegen meiner Behinderung auf Hilfe durch Assistenten angewiesen. Diese Assistenz ist sehr teuer, sie wird vom Sozialamt bezahlt. Das bedeutet, dass ich den Großteil dessen, was ich verdiene, an das Sozialamt abgeben muss. Bis letztes Jahr durfte ich nur 2.600 Euro Erspartes auf dem Konto haben. Durch den Beschluss des Teilhabegesetzes im Dezember ist der Freibetrag auf ca. 30.000 Euro angehoben worden. Eine Altersvorsorge oder ein Haus lassen sich damit jedoch immer noch nicht finanzieren. Menschen mit Behinderung sind doppelt benachteiligt: zum einen durch Barrieren im Alltag, zum anderen, weil sie mit ihrer Arbeit viel weniger erwirtschaften können als andere. Chancengleichheit ist das nicht

Nicolas Bielefeld Da stimme ich Herrn Krauthausen zu. Es kann nicht sein, dass eine Behinderung zum Armutsrisiko wird. Auf Arbeitgeber wirkt sich dieses Problem glücklicherweise nicht aus. Finanzielle Unterstützung von den Integrationsämtern erleichtert es uns, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen.

Raúl Krauthausen Meine Forderung ist, dass die Assistenz unabhängig von der Einkommens- und Vermögenssituation des Hilfsbedürftigen vom Staat bezahlt wird. Die Betroffenen können schließlich nichts für ihre Behinderung.

Warum arbeiten Sie, Herr Krauthausen, wenn es sich finanziell für Sie nicht lohnt?
Raúl KrauthausenZum Glück arbeite ich nicht nur wegen des Geldes. Ich will das Gefühl haben, durch meine Tätigkeit etwas zur Gesellschaft beizutragen. Das ist meine Hauptmotivation.

Welche Hürden erleben Sie als Rollstuhlfahrer im Berufsleben?
Raúl KrauthausenAls IT- und Medienberufler hatte ich bisher das Glück, meist in jungen Firmen mit modernen, rollstuhlgerechten Büros zu arbeiten. Während meiner vierjährigen Arbeit beim RBB gab es Probleme mit der Barrierefreiheit nur bei Terminen außer Haus. Manchmal sollte ich allerdings Probleme lösen, für die eigentlich der Arbeitgeber zuständig ist: Als ich beim RBB aufhörte, fragte mich ein Personaler, ob ich jemanden mit Behinderung kenne, der meinen Job übernehmen kann. Dabei bin ich weder Headhunter noch Behindertenbeauftragter.

„Gerade kleinere Unternehmen sollten für die Beschäftigung von Behinderten mehr Unterstützung erhalten.“

Haben Sie sich durch diese Frage als „Quotenbehinderter“ behandelt gefühlt?
Raúl Krauthausen Nein, an der Frage zeigte sich, dass Unternehmen große Schwierigkeiten haben, geeignete Bewerber mit Behinderung zu finden

Nicolas Bielefeld Das ist gut beobachtet, genau da liegt ein großes Problem! Ich habe den Eindruck, es fehlt ein zugänglicher Arbeitsmarkt mit Stellenangeboten für behinderte Menschen. Die Unternehmen, die gerne Behinderte einstellen möchten, und qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Handicap finden nicht leicht genug zusammen.

Raúl Krauthausen Das Problem beginnt aber schon viel früher, bei der Qualifizierung. Schauen Sie sich einmal die typischen Bildungskarrieren von Behinderten an: Oft lernen sie zuerst in Sonderschulen. Danach folgt oft eine vollkommen marktfremde Ausbildung im Berufsbildungswerk. Da erlernt ein angehender Bibliothekar seinen Job noch mit Karteikarten anstatt mit Software. Viele Betroffene können trotz guter Schulleistungen kein Abitur machen, weil örtliche Gymnasien nicht barrierefrei sind.

Nicolas Bielefeld Dieses Qualifizierungsproblem können die Arbeitgeber in der Tat nicht alleine lösen. Es sind stärkere Bemühungen an den Schulen und Universitäten notwendig, um Behinderten die Möglichkeit zu geben, den gewünschten Ausbildungsweg einzuschlagen.

Welche anderen Benachteiligungen haben Sie bei der Ausbildung erlebt, Herr Krauthausen?
Raúl Krauthausen Als strukturelle Benachteiligung kommen die Vorurteile hinzu. In der neunten Klasse habe ich gemeinsam mit meinen Mitschülern das Berufsinformationszentrum besucht. Ich wurde als Rollstuhlfahrer zu einem speziellen Berufsberater gebeten. Seine erste Frage an mich war: Hast du schon einmal von Behindertenwerkstätten gehört? Gut, dass meine Mutter mir vorher eingeschärft hatte: Lass dir bloß keine Behindertenwerkstatt aufschwätzen! Sonst hätte ich dem Mann vielleicht geglaubt, dass dies die einzige Arbeitschance für mich ist. Dann wäre mein Berufsweg vollkommen anders verlaufen.

Nicolas Bielefeld Um solchen Ausgrenzungen entgegenzutreten, ist die Sicht von Behinderten für ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen wie uns von zentraler Bedeutung. Zurzeit entwickelt ein schwerbehinderter Kollege für unsere Radiowelle „radioeins“ eine Miniserie über Alltagsprobleme von Schwerbehinderten. Eine Bereicherung in jeder Hinsicht.

Raúl Krauthausen Was wir außerdem in den Medien benötigen, sind Vorbilder: etwa eine Tischlerin im Rollstuhl, ein armamputierter Fernsehmoderator, ein gehörloser Karatelehrer. Sie können behinderten Jugendlichen Mut machen, ihre beruflichen Träume zu verfolgen. Deshalb hat unser Verein das Videoprojekt „die-andersmacher.org“ ins Leben gerufen. Es stellt solche Vorbilder vor.

Was können Arbeitgeber anders machen? Wieso erfüllen rund 40.000 Unternehmen nicht die Vorgabe, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit behinderten Mitarbeitern zu besetzen
Raúl Krauthausen Es sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die diese Quote nicht erfüllen. Viele wissen nicht, dass das Arbeitsentgelt zum großen Teil vom Integrationsamt finanziert werden kann. Viele haben Vorurteile und Berührungsängste. Sie zahlen lieber die monatliche Ausgleichsabgabe von 325 Euro pro unbesetztem Arbeitsplatz, als einen Schwerbehinderten einzustellen. Mein Vorschlag ist, dass der Gesetzgeber die Abgabe auf 900 Euro erhöht. Dann würden viele Personaler wohl umdenken.

Nicolas Bielefeld Für große Unternehmen ist es einfacher, offensiv mit dem Thema Inklusion umzugehen. In einer vielfältigen Belegschaft treffen behinderte Kollegen auf höhere Akzeptanz. Es gibt Fachleute und Organisationsstrukturen, um die Anforderungen an barrierefreie Arbeitsplätze umzusetzen. Meiner Meinung nach sollte der Gesetzgeber deshalb gerade kleinere Unternehmen stärker unterstützen, damit sie Behinderte beschäftigen und die Quote erfüllen können. Sie gilt bereits ab einer Betriebsgröße von 20 Mitarbeitern.

Welche Schwierigkeiten mit Barrierefreiheit haben auch große Unternehmen wie der RBB?
Nicolas Bielefeld Vor große Probleme stellt uns immer wieder der Umbau von denkmalgeschützten Gebäuden. Ein anderes ganz erhebliches Hindernis ist die Softwareergonomie. Bis heute werden viele wichtige Softwareprodukte nicht barrierefrei angeboten. Die Nachprogrammierung ist sehr aufwendig und teuer. Da stoßen wir als Medienunternehmen an unsere Grenzen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Unternehmen darauf drängen, dass Softwarefirmen neue Computerprogramme von vornherein barrierefrei konzipieren. Das wird eine wichtige Aufgabe für erfolgreiche Inklusion in den kommenden Jahren sein.

Raúl Krauthausen Barrierefreiheit müsste rechtlich so ernst genommen werden wie Brandschutz. Ein Raum oder eine Software, die nicht barrierefrei ist, darf nicht genutzt werden. Zack, fertig!

Welche Erfahrungen haben Sie mit Leichter Sprache gemacht? Ist sie eine Möglichkeit, um Menschen mit geistigen Einschränkungen im Berufsleben zu integrieren?
Raúl Krauthausen Ich begrüße jede weitere Benutzung von Leichter Sprache und finde, dass sie genauso zur Barrierefreiheit von Medienangeboten dazugehören sollte wie Untertitel. Sehr gute Beispiele für die Umsetzung sind die Nachrichtenseiten „einfachstars.info“ und „nachrichtenleicht.de“, außerdem das Verlagsangebot von „spassamlesenverlag.de“.

Nicolas Bielefeld Im Rahmen der Inklusion haben wir bisher keine Erfahrungen mit Leichter Sprache gemacht. Als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen spielt für uns eine verständliche und vor allem präzise Sprache natürlich eine wichtige Rolle. Ich begrüße deshalb die Grundsätze des Netzwerks Leichte Sprache ausdrücklich und denke, dass wir diese im Rahmen unserer Bemühungen um Inklusion zukünftig noch nutzen werden.

Das Interview führte Felix Enzian.

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