Logo Certo
Logo VBG

Informationsflut

Im Takt der Börse

Der digitale Informationsstrom wird immer schneller – das gilt erst recht für den Aktienmarkt. Doch Frank Bethmann behält den Überblick. Abends fasst der ZDF-Moderator im „heute journal“ die wichtigsten Nachrichten von der Frankfurter Börse zusammen. Ein Ortsbesuch.

Um 22.03 Uhr nippt Frank Bethmann noch einmal eilig an seinem Wasserglas – dann ist der Augenblick der Live-Schalte gekommen: „Wie beurteilt die Finanzwelt die Insolvenz der Modekette SinnLeffers?“, will Nachrichtensprecherin Gundula Gause aus dem Mainzer ZDF-Studio von ihm wissen. Das Warnlicht an Bethmanns Teleprompter blinkt. Ab jetzt ist der Wirtschaftsjournalist in Frankfurt am Main live auf Sendung. In einfachen Worten erläutert er den rasanten Wandel, der gerade in der Modebranche stattfindet. Erfolgreiche Online-Händler wie Zalando und Amazon und internationale Ketten wie H & M und Zara drängen immer mehr traditionelle deutsche Bekleidungshäuser vom Markt. Das Aus von SinnLeffers sei ein Warnschuss für Esprit, C & A und Peek & Cloppenburg. Anschließend zoomt die Kamera auf die Anzeigetafel der Aktienkurse, wo eine gezackte Linie nach unten weist. „Auch für den DAX hat es heute nicht gereicht“, beendet Frank Bethmann seine Moderation. „Das Kursbarometer verlor 45 Punkte. Es ist der vierte Tag in Folge, den der DAX im Minus schloss.“

Der Moderator legt sein Mikrofon zufrieden beiseite. Er hat ein kompliziertes aktuelles Wirtschaftsthema in einer Minute und 30 Sekunden allgemeinverständlich auf den Punkt gebracht. Seine Aufgabe als Journalist ist erfüllt. Die Kameraleute schalten ihre Technik ab. Die Aktienhändler sind schon nach Hause gegangen. Ein langer Tag an der Börse ist vollendet.

Begonnen hat dieser Arbeitstag im September des vergangenen Jahres bereits um 13 Uhr. Zur Mittagszeit streift Bethmann wie nahezu jeden Tag durch das mit Säulen geschmückte Portal des altehrwürdigen Gebäudes und durch die Sicherheitsschleuse. Drinnen erscheint der Börsensaal so modern, wie man ihn von den Fernsehbildern kennt. Auf schwarzen Tafeln sind die Aktienkurse aufgelistet. Raschelnd und ratternd aktualisieren sich die Zahlen auf den mechanischen Displays. Börsenmakler sitzen in weißen Rondellen und starren gebannt auf Monitore mit bunt blinkenden Zahlenkolonnen. „Früher liefen hier die Festnetztelefone heiß. Die Händler haben ihre Aufträge kreuz und quer durch den Raum gerufen. Es ging wirklich zu wie auf einem Marktplatz“, erinnert sich Frank Bethmann. Inzwischen laufen die Geschäfte nahezu geräuschlos ab.

Handel in Hochfrequenz
Die Digitalisierung hat den Aktienmarkt extrem beschleunigt. Zum Teil haben Algorithmen die Kontrolle über Kaufen und Verkaufen übernommen. Hochleistungsrechner können in Sekundenbruchteilen auf Marktveränderungen reagieren. Dieser Hochfrequenzhandel bereitet den Aufsichtsbehörden Sorgen, denn er macht den Aktienmarkt anfällig für Manipulationen. Vor allem aber hat die Computertechnik das Börsengeschehen ortsunabhängig und unsichtbar gemacht. Da stellt sich die Frage, wie ein Nachrichtenprofi, der als Einzelperson Millionen von Menschen klar und strukturiert mit Neuigkeiten versorgen muss, mit der digitalen Informationsflut umgeht. Wie behält Frank Bethmann den Überblick über die Nachrichtenlage und trennt das Wesentliche vom weniger Wichtigen? Und vor allem: Wer profitiert davon?

Die alltägliche Vielzahl an Informationen stellt gerade für Unternehmer ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar. Sie müssen relevante Informationen für sich filtern, um effizient zu wirtschaften. Eine Untersuchung der Unternehmensberatung Sopra Steria unter 220 Geschäftsführern, Vorständen sowie Fach- und Führungskräften aus Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern bestätigt den Befund einer Informationsflut. Zwei von drei Studienteilnehmern berichten von einer „starken Zunahme“ des Informationsvolumens. Die Komplexität im Alltag sei gestiegen, so das Ergebnis. Gleichzeitig wirkt sich die Informationsflut auf die Beschäftigten aus. Der permanente Zustrom von Anrufen, Textnachrichten und Medienberichten kann für viele zu einer wachsenden Belastung werden – und Arbeitsprozesse verlangsamen und gefährden.

„Im Gegensatz zu unvorhersehbaren Katastrophen sind politische Ereignisse mit wirtschaftlichen Folgen oft planbar.“

Für Unternehmen der Finanzbranche ist diese Entwicklung nicht neu. Die Flut an Informationen und der steigende Zeitdruck sorgen für Stress, der Betroffene schwer abschalten lässt. Außerdem werden Fehler wahrscheinlicher. Auch Frank Bethmann muss unzählige Informationen aufnehmen und selektieren – womit er in seiner Funktion als Journalist aber auch umgehen kann. Im ZDF-Börsenstudio schauen er und sein Redaktionskollege Dennis Berger auf eine Wand aus acht Fernsehern. Auf jedem Bildschirm läuft ein anderer Sender. Der Ton wird nur angeschaltet, wenn etwas für die Arbeit Interessantes kommt. Ansonsten nutzen die Journalisten gewöhnliche Büroarbeitsplätze mit Telefon und Computer. Am Monitor verfolgen sie die Meldungen der Nachrichtenagenturen und verschiedensten Online-Medien.

Frank Bethmanns Arbeitstag beginnt offiziell um 14.30 Uhr. Einen Überblick über die Wirtschaftsmeldungen des Tages hat er sich aber schon am Vormittag zuhause auf dem Tablet verschafft. Außer der Krise der deutschen Modekaufhäuser findet Bethmann die Pleite der koreanischen Großreederei Hanjin besonders relevant. „Sie hat großen Einfluss auf den internationalen Warenverkehr“, erläutert er. „Enorme Containerkapazitäten fallen weg.“ Bethmann druckt sich einige Artikel aus und streicht die wichtigsten Infos mit Textmarker an. Das berufliche Tun und Handeln von Bethmann ist ständig von der Maßgabe getrieben, die Zielgruppe im Auge zu behalten. Dazu zählen auch die Unternehmer, die schnell Informationen benötigen über das, was in der Welt und an der Börse geschieht. Bethmann muss danach selektieren, was den höchsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert hat. Nur so kann er gewährleisten, dass die Rezipienten nicht mit zu vielen, vielleicht sogar wenig nützlichen Informationen überlastet werden.

Im Video gibt Frank Bethmann Tipps für die Geldanlage mit Aktien.

Entscheidungen treffen
Gegen 16 Uhr ruft Bethmann bei Nachrichtensprecherin Gundula Gause an. Beide sind sich einig, dass die Insolvenz von SinnLeffers das interessanteste Wirtschaftsthema für die deutschen Fernsehzuschauer ist. „Wir müssen dazu die Hintergründe erklären“, sagt Bethmann. „Neuerdings machen auch Discounter wie Aldi und Lidl den traditionellen Bekleidungshäusern das Modegeschäft streitig. Diese Entwicklung stellen wir in einer Grafik dar.“ Doch dann erhält Bethmann einen Anruf vom ZDF-Landesstudio Bayern: „Bei der Linde AG hat es gekracht. Der Vorstandschef und der Finanzvorstand sollen sich auf dem Flur angeschrien haben. Wollen wir dazu etwas bringen?“ Frank Bethmann überlegt. Die ZDF-Journalisten beraten sich noch einmal und entscheiden: Sofern sich die Lage bei Linde bis zum Abend nicht zuspitzt, bleiben sie bei dem Modethema.

Chaos ordnen
Frank Bethmann hat in seinem Berufsleben als Nachrichtenjournalist schon viele Krisensituationen erlebt. Auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise im Jahr 2008 schickte das ZDF ihn an die Wall Street nach New York, um den Studioleiter zu vertreten. Jeden Tag schossen Meldungen in den Raum, neue Untergangsszenarien wurden durchgespielt, Spekulationen über das Abwickeln von weltweiten Bankenhäusern brachten die gesamte Wirtschaft ins Wanken. Frank Bethmann musste das verständlich erklären. Es brauchte viel Vor- und Nachbereitungszeit, um die Informationen so zu kanalisieren, dass sie das Wichtigste transportieren. Kaum auszumalen, was eine ungefilterte Informationsflut mit den Verbrauchern angestellt hätte: Unsicherheit und Angst wären das Ergebnis gewesen.

Bild Frank Bethmann

Frank Bethmann wurde 1966 in Bremen geboren. Von der Frankfurter Börse aus berichtet der Wirtschaftsjournalist für aktuelle ZDF-Sendungen wie das „Morgenmagazin“, das „Mittagsmagazin“ und das „heute journal“. Bevor Bethmann in den Journalismus ging, hat er eine kaufmännische Lehre absolviert und Betriebswirtschaftslehre in Berlin studiert. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 leitete er das ZDF-Studio in New York.

Aufgrund solcher Erfahrungen hat Frank Bethmann gelernt, wie man in einer chaotischen Nachrichtenlage den Durchblick behält. Er gibt Tipps, die sich auf den Arbeitsalltag in anderen Berufen übertragen lassen: 

  • Wenn du etwas nicht weißt, frage jemanden anderen, der es vielleicht weiß.
  • Erzähle nur das, was du in der Kürze der Zeit verstanden hast.
  • Beschreibe komplexe Zusammenhänge möglichst einfach.
  • Wenn du ein aktuelles Ereignis noch nicht erklären kannst, beschreibe die ersten Eindrücke, Stimmungen und Abläufe.

„Im Gegensatz zu unvorhersehbaren Katastrophen wie Attentaten und Flugzeugunglücken sind politische Ereignisse mit wirtschaftlichen Folgen oft planbar“, weiß Bethmann. Bei Anlässen wie dem Brexit-Referendum oder den USPräsidentschaftswahlen können die Journalisten zwar nicht den Ausgang vorhersagen. Aber sie können Szenarien durchspielen, welche Auswirkungen das jeweilige Ergebnis auf die Aktienmärkte haben könnte. Mit dieser Vorbereitung können sie im Ernstfall zügig reagieren. Frank Bethmanns Arbeitstag geht diesmal ohne Zwischenfälle zu Ende: Er probt seinen Moderationstext über die Modebranche und spricht ihn in der Live-Schalte fehlerfrei. Welche Nachrichtenlage der nächste Tag bringen wird – Chaos oder Routine –, steht noch in den Sternen. „Wir arbeiten in der Aktualität wie ein Brötchenbackbetrieb“, scherzt der Journalist zum Abschluss. „Heute denken wir nur an heute. Morgen denken wir an morgen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Certo durchsuchen...