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Krisenmanagement

Ein ungeheurer Einsatz

Katastrophen treffen Unternehmen aus heiterem Himmel. Ihr Ausmaß ist unabsehbar. Gerade deshalb müssen sich Führungskräfte auf Krisenszenarien sorgfältig vorbereiten. Grundlegende Abläufe für Notfälle sind planbar. Das zeigte sich auch beim Krisenmanagement der Bayerischen Oberlandbahn nach dem Zugunglück von Bad Aibling.

Die Bahnkatastrophe von Bad Aibling ist mehr als ein Jahr her, aber aus den Köpfen verschwunden ist sie nicht: Acht Fahrgäste und vier Lokführer sind ums Leben gekommen, als zwei Nahverkehrszüge des Meridian der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) kollidierten. 89 Menschen wurden verletzt. Viele Betroffene, auch unter den Rettungskräften, leiden psychisch unter den Folgen des Unfalls. Die BOB-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch und Fabian Amini haben mit dem Unglück ebenfalls nicht abgeschlossen. Wenn die Manager ihr Krisenmanagement erläutern, schildern sie die furchtbaren Ereignisse mit sachlichen Worten. Dennoch ist spürbar, wie sehr ihnen die Schicksale der Opfer und Hinterbliebenen emotional nahegehen. „Der unwiederbringliche Verlust unserer Reisenden und unserer vier Mitarbeiter ist ein schwerer Schlag. Ein solches Unglück lässt sich aufarbeiten, aber wir werden es nie vergessen“, sagt Amini.

Für Rosenbusch und Amini, beide Anfang 40, war die Kollision der Meridian-Züge in Bad Aibling die erste schwere Katastrophe, die sie in ihrem Berufsleben bewältigen mussten. Sie arbeiteten beim Krisenmanagement Hand in Hand. Als Vorsitzender der Geschäftsführung übernahm Rosenbusch vor allem die Kommunikationsaufgaben. Amini, Geschäftsführer Produktion, kümmerte sich insbesondere um technische Fragen. „Der Aufmarsch von mehr als 800 Rettungskräften hat mich überwältigt“, schildert Amini seine Eindrücke vom Unfallort. „Es waren mehrere Hubschrauber im Einsatz, gefühlt Hunderte von Rettungswagen unterwegs. Die Zusammenarbeit von Polizei, Feuerwehr, Wasserwacht und Technischem Hilfswerk lief wahnsinnig professionell ab.“

Vor Unglücksfällen ist kein Unternehmen gefeit – gerade deshalb ist ein koordiniertes Notfallmanagement wichtig. Das gilt für große Konzerne ebenso wie für Kleinbetriebe und Mittelständler. Das Vorgehen im Fall Bad Aibling ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Rund 250 Krisen ereignen sich jährlich in Deutschland, hat der Krisenforscher Frank Roselieb errechnet. Mögliche Auslöser können zum Beispiel Hochwasser, Unwetter, Stromausfälle, Verbrechen, technische Defekte oder menschliches Versagen sein. Oft liegt die Ursache außerhalb der Kontrolle der Unternehmensführung. Dennoch tragen Arbeitgeber die Verantwortung, ihre Beschäftigten durch geeignete Vorsorgemaßnahmen und Notfallpläne vor Gefahren zu schützen. Allerdings werde die Notfallplanung oft nur unzureichend vorbereitet, monieren professionelle Krisenmanager. Vielfach würden Unternehmen erst dann auf eine Krise reagieren, wenn diese schon in vollem Gange sei. Das Beispiel von Bad Aibling hingegen zeigt, dass Unternehmer im Moment größter Tragik fokussiert eine Notlage händeln können – wenn sie vorbereitet sind.

„Die Inhalte des Notfallplans müssen regel­mäßig geschult und verinnerlicht werden. Bei uns finden diese Schulungen jährlich statt.“

Schulungen sind essenziell

Bei ihrem gemeinsamen Vorgehen konnten sich die BOB-Geschäftsführer auf ein Notfallhandbuch, ein Kommunikationskonzept und die Sicherheitsrichtlinien des Unternehmens Transdev stützen. Die im Handbuch festgelegten Abläufe, Verantwortlichkeiten und Kontaktpartner (siehe Infografik zur Meldekette) sind mit der Transdev-Unternehmensgruppe, zu der die BOB gehört, und mit dem Schienennetzbetreiber, der DB Netz AG, abgestimmt. „Diese Inhalte müssen regelmäßig geschult und verinnerlicht werden. Bei uns finden diese Schulungen jährlich statt, und Triebfahrzeugführer sind zweimal im Jahr im Dienstunterricht“, erklärt Amini.

Auch der erprobte Ablaufplan trug dazu bei, dass die Bergung der Verletzten und Verstorbenen am Tag des Unfalls durch die Rettungskräfte abgeschlossen werden konnte. Die Räumung der Fahrzeuge und die Reparatur des Gleises beanspruchten weitere sechs Tage. Zehn Tage nach der Katastrophe nahm der Meridian den Schienenverkehr wieder auf. „Wir mussten im Nachhinein keine Änderungen im Notfallhandbuch oder im Kommunikationskonzept vornehmen“, sagt Rosenbusch.

Was nicht planbar ist

Das heißt allerdings nicht, dass sich die Bewältigung einer Katastrophe des Ausmaßes von Bad Aibling von A bis Z vorbereiten lässt – im Gegenteil. „Die Notfallplanung kann nur die grundsätzlichen Abläufe festlegen“, erklärt Rosenbusch. „Auf uns stürmte eine Vielfalt von Themen ein, mit der ich nicht gerechnet hatte. Zum Beispiel der Ansturm der Schaulustigen“, räumt Amini ein. Als Reaktion schirmte die BOB die Unglückszüge mit Sichtschutz ab und ließ den Unfallort von Sicherheitskräften bewachen. Die größte Herausforderung nach der Katastrophe war für Bernd Rosenbusch und Fabian Amini allerdings die Unterstützung ihrer Beschäftigten sowie der Verletzten und Hinterbliebenen. Zu zweit konnten die BOB-Geschäftsführer diese Aufgaben nicht stemmen. Sie teilten sich die Arbeit mit Führungskräften von Transdev und DB Netz. Als hilfreich erwies sich, dass Transdev einen Vertrag zum Gesundheitsmanagement mit der IAS-Gruppe abgeschlossen hatte. Über diesen Dienstleister stand ein Team von Psychologen zur Verfügung, das die Gespräche begleitete. „Ich hätte nicht gedacht, mit welcher Intensität man in der Betreuung seiner Belegschaft gefordert ist“, bekennt Fabian Amini. „Möglichst täglich haben wir die Einsatzstellen besucht und mit den Kolleginnen und Kollegen über den Unfall gesprochen.“

„Persönlich auf die Betroffenen zuzugehen, war das Beste, was wir beim Krisenmanagement gemacht haben. Dabei hat uns die Unterstützung durch die VBG sehr geholfen.“

Problem Kontaktaufnahme

Bei der Kontaktaufnahme mit den Verletzten und Hinterbliebenen wurden Rosenbusch und Amini mit einem Problem konfrontiert, das in ihrem Notfallhandbuch nicht vorgesehen war: Wegen des Datenschutzes erhielten sie kurzfristig keine Namen und Daten der Betroffenen. Als pragmatische Lösung suchten die Bahnmanager persönlich alle umliegenden Krankenhäuser auf. So gelang es ihnen, vielen Opfern psychologische Hilfe und Beratung in Versicheru ngs­fragen anzubieten. Einige werden bis heute durch die BOB betreut.

„Persönlich auf die Betroffenen zuzugehen, war das Beste, was wir beim Krisenmanagement gemacht haben“, sagt Rosenbusch. „Dabei hat uns die Unterstützung durch die VBG sehr geholfen. Diese hat uns schnell und unbürokratisch über Versicherungsleistungen und psychotherapeutische Angebote informiert.“ (Siehe Seite 10: „Das Trauma verarbeiten“.) Als Arbeits- und Wegeunfall hat das Zugunglück von Bad Aibling Beschäftigte aus verschiedenen Branchen der VBG betroffen. Zu den erbrachten Leistungen zählten zum Beispiel Witwen- und Waisenrenten sowie Sterbegelder. Eine richtige Entscheidung war aus Bernd Rosenbuschs Sicht, dass die BOB mit dem Unfall gegenüber den Betroffenen, den Beschäftigten, den Ermittlungsbehörden, Politik, Presse und Öffentlichkeit absolut transparent umgegangen ist. „Nur so konnten wir das allgemeine Vertrauen in das System Bahn aufrechterhalten“, ist Rosenbusch überzeugt. Diese Vorgehensweise empfehlen auch Krisenforscher. Denn nicht zuletzt bedroht jede Krise auch die Reputation der betroffenen Institution. Ein holpriges Krisenmanagement und eine unglaubwürdige Krisenkommunikation können nachhaltige Imageschäden nach sich ziehen – selbst wenn das Unternehmen an dem eigentlichen Vorfall kein Verschulden trägt.

Trauerarbeit

Doch auch ein umsichtiges Krisenmanagement kann einen Unfall nicht ungeschehen machen. Die Trauer um die Toten bleibt nach Bad Aibling stets zurück. Begleitend zu den privaten Begräbnissen hat die BOB eine Trauerfeier und eine Gedenkfeier zum Jahrestag des Unfalls veranstaltet. In den Einsatzstellen hängen die Bilder der verstorbenen Lokführer. „Sie sind Teil der Firma“, sagt Bernd Rosenbusch, „und sie werden es immer bleiben.“

Die Kollision von Bad Aibling

Der verheerende Unfall geschah am 9. Februar 2016 um 6.46 Uhr: Zwischen den Bahnhöfen Bad Aibling Kurpark und Kolbermoor stießen zwei Züge im Meridian-Nahverkehr der Bayerischen Oberlandbahn frontal zusammen. Zwölf Menschen starben, 89 Fahrgäste wurden verletzt. Der Sachschaden betrug mehr als zehn Millionen Euro.

Der Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn hatte die entgegenkommenden Züge zeitgleich auf eine eingleisige Strecke geschickt. Das Landgericht Traunstein verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren. Der Zusammenstoß war eines der schwersten Zugunglücke der letzten 25 Jahre in Deutschland. Bei den aufwendigen Rettungsarbeiten waren mehr als 800 Einsatzkräfte tätig.

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