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Gefährdungsbeurteilung

Die Psyche fährt mit

Eine Änderung des Arbeitsschutzgesetzes verlangt, dass Unternehmen nun auch die psychischen Belastungen ihrer Beschäftigten erfassen. Viele Nahverkehrsunternehmen schrecken noch davor zurück. Dabei zeigen die Vestischen Straßenbahnen der Branche, wie es gehen kann.

Das Telefon klingelt. Es ist die Polizei: In der Hertener Straße gab es einen Unfall. Lothar Rohde muss nun eine Umleitung für die Busse finden und die Fahrer und Fahrgäste informieren. Der 55-Jährige arbeitet in der Leitstelle der Vestischen Straßenbahnen in Herten. Seine Arbeitsinstrumente sind drei Bildschirme und ein Telefon. Während sich Rohde noch um eine alternative Route für den Bus kümmert, klingelt wieder das Telefon. Der Bus der Linie 200 sei an der Haltestelle Hospitalstraße drei Minuten zu früh dran, beschwert sich die Frau am Apparat. Dann der Anruf eines Fahrgastes, der seinen Schirm vergessen hat. „Ich sorge dafür, dass alles rollt“, erklärt Rohde. „Aber es passiert viel Unvorhergesehenes. Das macht es stressig.“

Arbeit kann viele verschiedene psychische Belastungen mit sich bringen. Weil psychische Belastungen für die Gesundheit so schädlich sind wie physische, wurde das Arbeitsschutzgesetz angepasst: Unternehmen müssen nun im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung auch psychische Belastungen der Mitarbeiter erfassen (siehe Kasten). Da diese Faktoren mit den erprobten Verfahren oft nicht zu ermitteln sind, ist die Umsetzung der Gesetzesänderung für Arbeitgeber eine Herausforderung – so auch für die Vestischen Straßenbahnen.

transparent und sachlich

Die Vestische Straßenbahnen GmbH wurde 1901 gegründet und beschäftigt 1.017 Mitarbeiter an zwei Standorten: Herten und Bottrop. Das öffentliche Nahverkehrsunternehmen setzt, anders als der Name vermuten lässt, Busse ein. „2014 suchten wir nach einem Verfahren, das belastbare Informationen über die psychischen Belastungen unserer Beschäftigten liefert“, erklärt Thomas Krämer, Prokurist und Betriebsleiter im Unternehmen. Schnell stellte sich

die Vorgehensempfehlung der VDV-Mitteilung 9045 des Verbands der Verkehrsunternehmen von 2013 als geeignetes Instrument heraus. „Uns war wichtig, alle im Betrieb von Anfang an mitzunehmen“, erklärt Ralf Beuting, Fachkraft für Arbeitssicherheit bei den Vestischen Straßenbahnen. Im Auftrag der Geschäftsleitung informierte Beuting die Belegschaft vorab über das Verfahren, erklärte Abläufe und Grenzen. „Das Thema psychische Belastung ist sensibel. Wir mussten verdeutlichen, dass wir nur Belastungsfaktoren ermitteln, nicht aber, wie ein Mitarbeiter diese empfindet. Das gibt dem Verfahren Sachlichkeit und Akzeptanz“, erklärt er.

Um die Qualität der Prozesse zu gewährleisten, holte sich das Unternehmen erfahrene externe Unterstützung durch DB Training. „Die haben unsere Leute geschult, die die Bewerterteams bildeten“, sagt Krämer. Diese Teams setzen sich aus der Fachkraft für Arbeitssicherheit, dem Betriebsarzt, einem Betriebsratsmitglied und der Führungskraft aus dem jeweiligen Arbeitsbereich zusammen.

Genau hinschauen und nachfragen

Zunächst wurden die 1.017 vorhandenen Arbeitsplätze in elf gleichartige Arbeitsplatztypen eingeteilt, die dann von je einem Bewerterteam inspiziert wurden. Einer dieser Arbeitsplätze war der von André Oberhag. Das Büro des 47-jährigen Kraftfahrzeugmeisters befindet sich hinter einer Glaswand inmitten der Werkstatt. Nebenan stehen Busse mit offenen Motoren. Es riecht nach Motoröl. „Ungeplante Reparaturen sind häufig“, sagt Oberhag, „Zeitdruck ist Alltag.“ Das Bewerterteam hält die Belastungen fest, die sich in der Werkstatt ergeben. Außerdem befragt das Team Oberhag mittels eines standardisierten Fragebogens. „Moderation ist wichtig. Durch Nachfragen kriegen wir sachlichere Antworten, als wenn Mitarbeiter den Bogen alleine ausfüllen“, erklärt Krämer.

Handlungshilfe

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – Handlungshilfe für die betriebliche Praxis.

JETZT LESEN: www.vbg.de/psyche

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